Diese Tradition dient dem guten Zweck: Mit den Martini-Sängern von Haus zu Haus
Südkurier 29.10.2025
Kurz vor Allerheiligen ziehen die Ministranten durch Markdorf. Mit im Gepäck haben sie neben einem jahrhundertealten Lied den Willen, mit dem Brauch etwas zu bewirken. Bis Donnerstag ist die Gruppe unterwegs.

Kürbisse zieren bereits die Hauseingänge, doch um Halloween soll es an diesem Oktoberabend nicht gehen. Die Gruppe, die sich heute auf die Straßen in der Innenstadt begibt, ist nicht etwa auf der Jagd nach Süßigkeiten. Es sind die Martini-Sänger, die Spenden für einen guten Zweck sammeln. Statt der Aufforderung „Süßes oder Saures!“ wird den Markdorfern also eine weitaus anspruchsvollere Darbietung geboten: eine gesangliche Einlage mit Ursprung im 17. Jahrhundert.

Einmaliger Brauch mit ungewöhnlichem Lied
„Die Martini-Sänger lassen sich mit den Sternsingern vergleichen. Es geht darum, Geld für einen guten Zweck zu sammeln und die Tradition aufrechtzuerhalten“, erklärt Oberministrant Johannes Kannegießer.
Das Besondere: Den Brauch gibt es nur in Markdorf. Das gefällt auch dem 15-jährigen Sebastian, der zum wiederholten Mal dabei ist. „Dass es schon so alt ist und einmalig in Markdorf“, bringt er die Faszination des Martini-Singens auf den Punkt.
Im Ministrantenkeller herrscht reges Treiben, hier bereiten sich die Ministranten und ihre Leiter auf den Einsatz vor. Text und Melodie sind nicht so eingängig wie manch moderner Radio-Song, doch es besteht kein Grund zur Aufregung: „In der heutigen Gruppe waren alle schon einmal dabei beim Singen“, sagt Gruppenleiterin Franziska Rick.
Erster Stopp bei Pfarrer Ulrich Hund
Nach einem letzten Durchlauf des Liedes sind die Ministranten startklar und es geht raus auf die dunklen Straßen. Gut, dass die Sänger neben Stock und Hut auch mit Laternen ausgestattet sind, um den Durchblick zu behalten. „Oh, so eine große Mannschaft!“, freut sich Pfarrer Ulrich Hund, der zuerst angesteuert wird.
Da das Lied schon so gut sitzt, trauen sich einige der Sänger sogar an die lateinische Version: mit Erfolg. Das sorgt für Begeisterung beim Pfarrer, der den Brauch als Alleinstellungsmerkmal hervorhebt und gerne eine erste Spende in die Büchse gibt. „Die archaische Form des Liedes ist schon etwas Tolles“, sagt er. „Gut, dass diese Tradition erhalten werden kann.“
Gesang sorgt für Freude bei Bewohnern
Weiter geht es in die Obertorstraße. Hier haben die Sänger zunächst weniger Glück: Die erste Haustür bleibt verschlossen. Doch direkt beim nächsten Haus tönt ein vielversprechendes „Einen kleinen Moment“ hinter der Tür hervor. „Das ist aber nett, dass ihr kommt!“, freuen sich die Bewohner.
Neben Applaus und Spende springt auch eine Packung Gummibärchen für die Martini-Sänger heraus. Mit der Stärkung im Gepäck und einer ordentlichen Portion Motivation schreiten diese auf ihrem Weg fort.
Gruppe möchte viele Markdorfer erreichen
Die zehnköpfige Gruppe teilt sich nach den ersten Häusern auf, um möglichst viele Menschen zu erreichen. Leni-Marie, Jana und Tilda sind in diesem Jahr zum ersten Mal dabei. Am zweiten Tag geht ihnen das Lied bereits erstaunlich leicht über die Lippen.
„Es macht einfach Spaß, durch die Straßen zu laufen und für die Leute zu singen“, sagt die zwölfjährige Jana. „Für den guten Zweck ist man immer gerne dabei, und es ist schön, mit seinen Freunden in der Gemeinschaft unterwegs zu sein“, bekräftigt Leiterin Maren Engel.

Unwissende Markdorfer werden mit Tradition vertraut gemacht
An manchen Häusern trifft die Gruppe auf unwissende Menschen. „Wir dachten, das sei ein Scherz“, sagen zwei junge Frauen verblüfft, nachdem sich die Martini-Sänger über die Gegensprechanlage vorgestellt haben. Dennoch geben sie nach dem Gesang gerne eine Spende in die Büchse.
Ein älteres Ehepaar zeigt sich wissbegierig und fragt interessiert nach dem Ursprung der Tradition. „Toll! Wunderbar habt ihr das gemacht“, lautet das Fazit zum Überraschungsbesuch. Gitta Kopal ist bereits vertraut mit der Tradition, was ihre Begeisterung jedoch nicht schmälert. „Prima!“, lobt sie die Ministranten bei der Übergabe ihrer Spende.

Es gibt Lob, Geld und eine kleine Stärkung
Es scheint eine überzeugende Ausbeute zu werden, die die Martini-Sänger am zweiten Tag ihres Einsatzes machen werden. Viele Menschen öffnen ihre Türen und haben nicht nur eine Spende, sondern auch Lob und eine kleine Stärkung für die Sänger übrig. Diese sind noch bis Donnerstag, 30. Oktober, unterwegs für den guten Zweck.
Und wer weiß, vielleicht gibt es ja noch einmal eine Kostprobe auf Lateinisch? Für zukünftige Versionen des Liedes schmieden die Ministranten bereits weitere Pläne: Als die Frage nach der zweistimmigen Variante aufkommt, lautet die vielversprechende Antwort der Gruppe: „Die gibt es dann im nächsten Jahr zu hören“.
Rätschen-Rattern statt Glockengeläut
Südkurier 23. April 2025
Markdorfer Ministranten kurbeln fleißig beim Ratschen auf dem Turm der St.-Nikolaus-Kirche. Mehrere Tage sind die Glocken still.

Markdorf Von Heiden- oder gar Höllenlärm zu sprechen, wäre fehl am Platz. Das verbieten allein Ort und Zweck des wahrhaftig sehr lauten Ratterns und Knatterns, das da von hoch droben herab aus Fensteröffnungen des Turms der Markdorfer St.-Nikolaus-Kirche tönt. Doch drinnen auf dem Treppenabsatz unterhalb der Glockenstube tosen die hölzernen Hammerwerke noch viel lauter. Vier Stück sind es an der Zahl, allesamt angefertigt von Harald Moser, wie auf einer der Ratschen beziehungsweise Rätschen mit schwarzer Schrift vermerkt ist.
„Es macht einen Riesenspaß“, erklärt Leander Beck. Der 20-Jährige hat von klein auf seine älteren Geschwister zum vorösterlichen Rätschen begleitet. Sein Vater, Andreas Beck, sei auch dabei gewesen. Ihm fiel die Aufgabe zu, die Fenster in den Turmöffnungen auszuhängen. Inzwischen übernimmt das sein Sohn. Aber noch ist es nicht so weit. Erst müssen alle Ministranten da sein, die sich fürs Rätschen vor der „Feier vom Leiden und Sterben Christi“ am Karfreitag-Nachmittag gemeldet haben. Sie erklimmen die Wendeltreppe im Kirchturm in ihrer Alltagskleidung, während die Messdiener in der Sakristei bereits ihre Chorhemden angelegt haben. Der Ruf soll weniger freudig klingen, erklärt Pfarrer Ulrich Hund. Drum schweigen nach dem Gloria am Gründonnerstag die Glocken, die sonst vor den Gottesdiensten ertönen – beziehungsweise mittags und abends zum Gebet aufrufen. Selbst den Messglöckchen im Altarraum bleibt zwischen Donnerstagabend und dem Gloria in der Osternacht ihr frohes Klingeln verwehrt. Stattdessen erschallt auch dort bloß trockenes Klappern.
Sie kurbeln fleißig – die Ministranten. Inzwischen sind die Fenster ausgehängt und die Rätschen in Betrieb genommen. Drei sind fest auf die Fensterbrüstungen montiert, eine steht auf eigenen Beinen und wird mit zwei Kurbeln bedient. Der Grund: Diese Rätsche hat mehr Federn, die die empor gerissenen Hammerköpfe zurückprallen lassen. Der Krach ist ohrenbetäubend. Das Krachmachen aber macht großen Spaß.
